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"Die Irre von Chaillot“ 







Projektbeschreibung:

Eine Bande Grandes Dames wehrt sich gegen die Vertreibung aus ihrem Bohème-Viertel. „Wir oder Ihr!“ skandieren sie und ertränken die Spekulanten in den Pariser Kanälen. Das Ensemble Mariakron versetzt die unauffällig brutale Boulevardkomödie von Jean Giraudoux von der Seine an die Spree und inszeniert sie als Schlachtfest gegen urbane Durchschnittlichkeit. 

Cornelius Schwalm und Sophie Nikolitsch radikalisieren das betulich angestaubte Theaterstück für die lokal-emanzipative Verwertung. Schwalms Inszenierung diagnostiziert jene sich über Berlin stülpende neuartige Ordnung, die droht, unseren sympathischen Moloch in die politisch-gesellschaftliche Seelenlosigkeit anderer Städte einzureihen. Durch die Aufwertung ganzer Viertel gedeiht eine leicht zufriedenstellende Klientel und die Unbequemen werden an den (Stadt-)Rand gedrückt. Peu à peu werden Freiheit, Chaos und das raue Temperament Berlins überpinselt und glatt geputzt.

Schnödes Ruhemonopol der Besitzer statt tönende Clubseeligkeit der Bewohner. Oder zertrampelt der Durchschnittliche die Phantasten, die Lichtscheuen, die Seltsamen-Einsamen, die Träumer und nachgiebig NichtIntegrierbaren?  Die ausgemachten Zerstörer werden in einem knallharten Schauprozess zum Tode verurteilt und Berlin aus dem Würgegriff befreit. Klappe zu, Kapitalist tot: Die Guten haben über die Bösen gesiegt. So einfach ist das. Die Spekulanten-Makler-Besitzer-Spießer verwesen im Keller, oben errichten wir romantische Inseln. Dem Aufbruch in eine ungewisse, aber neue Zukunft steht am Ende dieses Abends jedenfalls nichts mehr im Wege.

Mitwirkende:

Spiel

 

Silvina Buchbauer / Jörg Kleemann / Mareile Metzner / Matthias

Rheinheimer / Stephan Thiel / Verena Unbehaun

Regie

Cornelius Schwalm

Dramaturgie & Text

Sophie Nikolitsch

Bühne

Hovi-M

Kostüm

 

Andrea Göttert

Premiere am Theaterdiscounter : Januar 2015   

14 Vorstellungen

THEATERDISCOUNTER

Klosterstraße 44 // D – 10179 Berlin

E / info at theaterdiscounter dot de

T / +49 (30) 28 09 30 62

Kritiken:

DIE TAGESZEITUNG

 

Eine Bande steht auch im Zentrum der neuen Produktion des Theaterdiscounters. Eine Bande von alten Damen nämlich. Die wehrt sich gegen die Vertreibung aus ihrem Viertel, das von Geschäftemachern übernommen worden ist. Das Ensemble mit dem schönen Namen "Mariakron" hat unter Leitung von Regisseur Cornelius Schwalm Jean Giradoux' Pariser Spekulantensatire von 1943 "Die Irre von Chaillot" um eine Gruppe alter schrulliger Damen und ihren Kampf gegen Spekulanten, die Paris wegen eines vermuteten Erdölvorkommens sprengen wollen, in Berliner Verhältnisse von heute übersetzt.

22.01.2015

NEUES DEUTSCHLAND

 

Massaker in Mitte

Wie ein archaisches Märchen nimmt »Die Irre von Chaillot« im Theaterdiscounter Rache an Bauspekulanten und Gentrifizierungsgewinnern

Eine Art Super-RAF konstituiert sich im Theaterdiscounter.  

Ein schrulliges, aber in gerechter Empörung entflammtes Damenkränzchen lockt mit einem nach Erdöl riechenden Köder ein ganzes Pack aus Spekulanten und von ihnen bestochenen Politikern in die Falle, wo sie jämmerlich verrecken. Danach blühen die Blumen wieder, das malträtierte Gras richtet sich auf und unter den Menschen verbreiten sich Liebe und Frohsinn.

Vorlage ist das Stück »Die Irre von Chaillot« aus der Feder des französischen Diplomaten Jean Giraudoux. Der schrieb es 1942 in der französischen Hauptstadt während der Zeit der deutschen Besatzung. Hintergrund waren die offenbar gewaltigen Bauspekulationen in der kurzen Nazi-Ära in Paris - ein Thema, das bisher keinen großen Eingang in die Geschichtsbewältigungsszenarien à la Guido Knopp fand.

Off-Theater-Regisseur Cornelius Schwalm und das Ensemble  Mariakron transportieren die märchenhafte  Widerstandsgeschichte von der Seine an die Spree. Die Spekulanten aus dem Original werden gar nicht so bitterböse gezeichnet, wie es die über die Mietsituation empörte Grundstimmung in der Stadt eigentlich verlangt. »Präsident«,  »Baron« und »Prospektor« sind vor allem Abenteurergestalten;  Haudegen eines Frühkapitalismus, der die Art  Verantwortungslosigkeit, die durch Outsourcing und  Subauftragnehmerstrukturen entsteht, noch gar nicht kennt.  Sogar ein paar schelmische Bemerkungen an die Aufwerter der Kieze, die mittlerweile von der Aufwertung selbst gefressen werden, haben diese Individuen parat: »Wir halten die Leute in Bewegung und tun ihnen damit doch nur Gutes.« Eine zynische Weisheit, aber doch eine Weisheit. An den Kragen geht es diesen Großgeschäftemachern natürlich doch. Eine Gerichtsverhandlung, die mit dem landläufigen Rechtsstaatsverständnis wenig zu tun hat, diversen »Volksgefängnis«-Szenarien der 70er und 80er Jahre aber verteufelt ähnlich sieht, spricht sie schuldig. Schwalms Ensemble streut in der Folge ein paar Berliner Lokalwitzchen ein. Prenzlauer-Berg-Bewohner verfassen etwa ein Memorandum darüber, dass das wilde Berlin, das sie bei ihrem Eintreffen suchten, gar nicht mehr vorhanden war und sie sich dann mit dem Aufbau Bionade-bourgeoiser Infrastrukturen beschäftigten, um die innere Leere zu füllen. Nun, das ist alles mehr Kabarett als Theater, meist sogar ziemlich maues Kabarett. Ein gewisser Charme ist dem kollektiven Zur-Verantwortung-Ziehen einer außer Rand und Band geratenen Elite aber dennoch nicht abzusprechen. Und so erfüllt glucksendes Lachen die Zuschauertribüne, als das dem Ölgeruch folgende Spekulantenrudel unter dem Einsatz jeder Menge Bühnenrauchs malerisch verendet. Es hatte vor, Teile von Paris abzureißen, um im Boden nach Erdöl zu bohren. Zur Krönung wird noch eine Totenliste von Carsten Maschmeyer über George Bush bis zu Uli Hoeneß verlesen. Jeder darf sich seinen Lieblingsbösen als Lieblingstoten vorstellen. Wenn zum Ende des Spektakels die Klänge von »Power of Love« ertönen, ist man tatsächlich milde und froh gestimmt. Wenn das Stück lange genug läuft, dürften Ärzte, Apotheker und soziale Seelenklempner jeder Art den Besuch dieser »Irren von Chaillot« zum Abbau zerstörerischer innerer Kräfte und Frustrationen verschreiben. Es rumpelt zwar manches an diesem Abend; nicht jeder Übergang von Szene zu Szene wirkt folgerichtig. Aber Schwalm und seine munteren Spieler haben einen so schrillen Zugang zu Berlins Thema Nummer eins gewählt, dass man gewillt ist, ganz viele der Rumpeleien zu verzeihen. Der Theaterabend wirkt wie ein archaisches Märchen, das zumindest während seiner erzählten Zeit das Böse bannt.

Von Tom Mustroph 27.01.2015