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„DER DÄMON IST EIN

UMGEDREHTER GOTT“


Projektbeschreibung:

Ein Beziehungsbestinarium mit Motiven von

Pinter/Strindberg/Kroetz/D.F.Wallace, in welchem drei Frauen sich abarbeiten an wechselseitigem Betrug, intellektuellen Phrasen und der Suche nach echter Nähe, die aber niemals zu Stande kommen kann, da einem immer im entscheidenden Moment die Offenbarung als unmöglich erscheint.

Mitwirkende:

Spiel

Verena Unbehaun / Katja Uffelmann / Merle Wasmuth

Regie

Cornelius Schwalm

Dramaturgie und Text

Sophie Nikolitsch

Bühne

Hovi-M

Kostüm

Andrea Göttert

Premiere am Theater unterm Dach : März 2013   

 

Kritiken:

Zitty

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott

Dass Ehedramen wieder modern werden, ist natürlich auch einer grässlichen Neokonservativitis geschuldet, in der Besitzen die bevorzugte Verkehrsform ist. Aber wer will schon den Überbringer schlechter Nachrichten tadeln, nur weil der Inhalt dessen, was er übermittelt, schlecht ist, während er das Überbringen selbst doch gut erledigt?

In diesem Sinne muss man Cornelius Schwalm und dem Damengeschwader von MariaKron (benannt nach dem Weinbrand) regelrecht Respekt zollen. Denn sie waten lustvoll durch den Morast ehelicher Untreue. Pikant dabei ist, dass der Ausbruchsversuch aus dem Ehehafen von Emma und Arndt mit Mini-Apartment und Schürze beim Kochen piefiger gerät als die Original-Ehe, die Emma mit Robert, dem besten Freund von Arndt, führt.

All das Lügen und Lügen beim Lügen, aus dem niemals Wahrheit wird, exerzieren Merle Wasmuth, Katja Uffelmann und Verena Unbehaun ganz vortrefflich vor. Dass hier drei Frauen zwei Männer und eine Frau darstellen, verleiht der Konstellation einen zusätzlichen Reiz. Vielleicht abgesehen davon, dass Unbehaun einen arg Klischee beladenen Literaturagenten verkörpert. Aber Uffelmann ist eine schauspielerische Wucht in ihrer maskulinen Stoik und einem entsetzten Wundern über die Welt, wie sie ist. Diesen Abend kann man zu einer grandiosen Neuprenzelberger Milieuschilderung erklären....

Mittwoch 20.03. 2013 Tom Mustroph

NEUES DEUTSCHLAND

Ménage à trois

»Der Dämon ist ein umgedrehter Gott« im Theater unterm Dach

Was soll, kann, darf man sich heute in einer Beziehung anvertrauen? Alles? Das meiste? Oder ist es doch besser, der Bekenntniswut zu trotzen und ein paar Geheimnisse für sich zu behalten? Wie eine Ehe an Betrug und Verrat, an Lügen und falsch platzierten Geständnissen zerbricht, zeigt auf treffende Weise die Tragikomödie »Der Dämon ist ein umgedrehter Gott« im Theater unterm Dach. Aufgerollt wird das »Beziehungsbestinarium«, so die von der Theatergruppe Mariakron gewählte Bezeichnung, vom Ende her, die Zeit läuft rückwärts. Das erinnert an François Ozons Film »5 x 2«, der mit einer Scheidung beginnt und Szenen der Ehe in chronologisch umgekehrter Reihenfolge vorführt; im intimen Raum des Theaters entfaltet die retrospektive Erzählweise einen umso stärkeren Sog, da das Ende bereits bekannt ist. Dabei ist die Geschichte von Robert und Emma - er Verleger, sie Galeristin, die seit Jahren eine Affäre mit Roberts bestem Freund Arndt hat - nichts Besonderes, fast jeder kennt ein solches Paar aus dem Bekanntenkreis. Besonders ist vielmehr das Ausmaß an (Selbst-)Betrug und Täuschung, dem sich hier jeder der drei um eines verkrampften Frieden willens unterzieht. Denn Robert weiß sehr wohl von der Langzeitaffäre seiner Frau mit dem besten Freund, schon bevor sie ihm den Betrug gesteht, spielt Arndt gegenüber aber weiter den Ahnungslosen. Wut, Zorn, Verzweiflung wallen erst dann auf, als Arndt erfährt, dass sein Freund schon seit Jahren Bescheid weiß und Robert besucht, um Verständnis, ja Absolution zu erlangen.

Auf meisterhafte Weise demonstrieren Regisseur Cornelius Schwalm und sein Damentrio, wie Lügen, Heuchelei und Untreue sowohl Partner- wie auch Freundschaft zuerst korrumpieren, dann zerstören - wobei hier der Ablauf durch die Erzählweise umgekehrt wird. In neun Schlüsselszenen - Arndt und Robert im Café, Emma und Robert im Urlaub, Arndt und Emma im heimlich gemieteten Liebesnest - entfaltet sich vor dem Publikum die Geschichte dreier Menschen, die durch ein kompliziertes Geflecht aus Verpflichtungen, Geheimnissen und Gefühlen aneinandergekettet sind; die glücklich sein könnten und es doch nicht sind; und die ganz allgemein nicht so recht zu wissen scheinen, wohin mit sich.

So ist die Geschichte dieser Ehe auch ein Psychogramm der gutbürgerlichen Mitte-Generation um die 40, die sich, trotz Erfolgs im Beruf, Musterkind und Eigentumswohnung, innerlich leer fühlt - und diese Leere mit hektischen Aktivitäten zu füllen sucht. Wunderbar die Szene, in der Emma ihrem Liebhaber das Heimchen am Herd vorspielt, während dieser nur mit ihr ins Bett will; ebenso alltäglich tragisch wie komisch gerät die Bettszene zwischen Robert und Emma, in der er sie vorwurfsvoll zum Sex überreden will, worauf sie sich in zahllose Ausreden flüchtet.

Dass es ein solches Vergnügen ist, dieser unfreiwilligen Ménage à trois und ihren wechselseitigen Ausweichs- und Betrugsmanövern zuzusehen, liegt nicht nur an der gekonnten Dramaturgie und den mal verkrampften, mal bitter-ironischen Dialogen, sondern auch am großartigen Spiel der Akteurinnen. Mag die Entscheidung, alle drei Rollen mit Frauen zu besetzen, in den ersten Minuten auch irritieren, macht diese Konstellation schnell einen besonderen Reiz aus. Vor allem Katja Uffelmann als anständiger, doch wortkarger Stoffel Robert beeindruckt mit Präsenz und einer ungeheuren Natürlichkeit; wie sie in ihrer Haltung zwischen Verlegenheit, Enttäuschung und unterdrückter Wut pendelt, hat große Klasse. Glaubwürdig auch Merle Wasmuth als Emma und Verena Unbehaun als weichlich-unentschlossener Literaturagent Arndt.

Von Anouk Meyer 15.04.2013